Die Frühlings-Seidenbiene

Die Frühlings-Seidenbiene

Zum Internationale Tag des Artenschutzes

Foto: Michael Hillmann

Die Frühlings-Seidenbiene – Wilhelmshavens sandige Frühlingsbotin riecht nach Zitrone

In den Sandtrockenrasen von Klein Wangerooge in Wilhelmshaven spielt sich jedes Frühjahr ein kleines Naturwunder ab: Die Frühlings-Seidenbiene (Colletes cunicularius) schlüpft aus ihrem gemütlichen unterirdischen Zuhause und startet ihre Saison als eine der ersten Wildbienen des Jahres. Während andere Insekten noch verschlafen unter Laub, in Sandröhren oder Stängeln ruhen, ist die Frühlings-Seidenbiene bereits emsig unterwegs.

Die gespaltene Zunge der puschelig und fast hummelartig wirkenden Frühlings-Seidenbiene ist ein typisches Merkmal der Gattung Colletes. Während man dieses anatomische Detail sonst eher mit Schlangen verbindet, dient es den Seidenbienen dazu, besonders effizient Nektar aufzusaugen aber auch bei der Auskleidung der Brutzellen. 

Eine weitere Besonderheit der Frühlings-Seidenbiene ist ihr zitronenartiger Duft. Sowohl Männchen als auch Weibchen verströmen diesen frischen Geruch, vermutlich um potenzielle Partner anzulocken. Während wir Menschen einen Hauch von Zitrone einfach als angenehm empfinden, dient der Duft den Bienen als chemische Visitenkarte – ein olfaktorischer Liebesbrief an potentielle Partner.

Speed-Dating im Sand – Wer zuerst gräbt, liebt zuerst

Kaum geschlüpft beginnen die Männchen, die einige Tage vor den Weibchen schlüpfen, mit der Suche nach unbefruchteten Weibchen. Die Partnersuche der Frühlings-Seidenbiene ist intensiv und geruchsgesteuert. Oft graben Männchen aktiv im Sand, um eine vor dem Schlupf stehende Jungkönigin vor allen anderen zu entdecken. Sobald eine weibliche Biene aus ihrer Brutzelle schlüpft, wird sie sofort von einer Gruppe konkurrierender Männchen umringt. Es folgt ein regelrechtes Gerangel, bei dem jedes Männchen versucht, den besten Platz für die Paarung zu ergattern und das Weibchen zu befruchten. .

Vollgas und dann abtreten

Da sie weder Nester bauen noch Nahrungsvorräte anlegen, investieren die Männchen ihre gesamte Energie in die Fortpflanzung. Nach wenigen Wochen sind sie erschöpft und sterben. Spätestens, wenn die letzten Weibchen befruchtet sind, verschwinden die Männchen aus der Population – ihre einzige biologische Aufgabe ist erfüllt. 

Tiny Houses aus Sand – Seidenbienen-Edition

Kaum geschlüpft und befruchtet, beginnen die Weibchen sie mit dem Bau ihrer Niströhren – echte Luxuswohnungen mit Einzelzimmern für den Nachwuchs.

Ihre Baggerkünste sind beeindruckend: Mit ihren kräftigen Mandibeln (Mundwerkzeugen) graben sie tiefe Hauptgänge, die sich in mehrere Seitengänge verzweigen. Dabei ist ein charakteristisches Summen zu hören – die Vibrationen könnten helfen, die Erdpartikel zu lockern. Anschließend schiebt sie den Erdaushub mit ihren kräftigen Vorderbeinen nach hinten und formt so ihre unterirdischen Bruthöhlen.

Seidenweiche Kinderstube – natürlicher Polyester

Der Name „Seidenbiene“ kommt nicht von ungefähr: Die Brutzellen werden mit einer feinen, seidenartigen Schicht ausgekleidet, die die Biene selbst produziert. Dieses Material ist ein wasserabweisender linearer Polyester (Laminester), das durch Polymerisation entsteht – im Grunde eine natürliche Version von Kunststoff. Diese clevere Beschichtung schützt die Brut vor Feuchtigkeit und Pilzbefall und macht das Nest zu einer sicheren Kinderstube.

Pollen-Power und Proviant-Pakete – Mama Seidenbiene sorgt vor

Sobald das Nest vorbereitet ist, beginnt die Sammelarbeit: Die Biene trägt Pollen und Nektar – vor allem von Weidenkätzchen – in die Brutzellen ein, um einen Nahrungsvorrat für ihren Nachwuchs anzulegen. Ist genug Proviant vorhanden, legt sie ein Ei dazu und verschließt die Zelle. Damit endet ihre Fürsorge.

Fertig, aber faul – Die große Wartezeit beginnt

Bereits im August hat die neue Generation ihr Larvenstadium abgeschlossen. Doch statt direkt zu schlüpfen, bleibt sie als vollständig entwickelte Biene den gesamten Herbst und Winter über in der Brutzelle. Erst mit den ersten warmen Frühlingstagen im nächsten Jahr gräbt sich die neue Generation aus dem Boden – und der Kreislauf beginnt von Neuem.

Ein Naturschatz in Wilhelmshaven

Dass die Frühlings-Seidenbiene in Klein Wangerooge eine Heimat gefunden hat, ist eine Besonderheit denn nährstoffarme und lückige Sandtrockenrasenhabitate sind selten geworden. Wer also im Frühjahr eine kleine, pelzige Biene über den Boden flitzen sieht und vielleicht sogar einen Hauch von Zitrone erschnuppert: Gratulation, Sie haben eine echte Spezialistin getroffen!