Schnee, Kälte, Regen – und trotzdem anpacken: An zwei Sonntagen im Februar (08.02. und 22.02.) waren zahlreiche Ehrenamtliche auf der Fläche „Klein Wangerooge“ in Wilhelmshaven im Einsatz, um den dortigen Sandmagerrasen zu pflegen. Beim ersten Termin lag noch Schnee und die Temperaturen bewegten sich nur knapp über dem Gefrierpunkt. Trotzdem kamen rund 20 Helferinnen und Helfer aus den lokalen Naturschutzverbänden JadeWale e.V., NABU, BUNDjugend und BUND zusammen, um gemeinsam zu entkusseln. Zwei Wochen später standen noch einmal zehn Engagierte aus den Vereinen bei Regen auf der Fläche, um die Arbeiten fortzusetzen.
Zusammengenommen sind so beeindruckende 120 Stunden ehrenamtlicher Einsatz für den Erhalt dieses besonderen Lebensraums zusammengekommen.
Doch warum arbeiten Menschen freiwillig an einem Sonntag bei Schnee, Kälte oder Regen auf einer Naturschutzfläche?
Die Vorstellung, Natur müsse man nur „in Ruhe lassen“, damit sich alles von selbst regelt, klingt zunächst romantisch. Ökologisch ist sie jedoch zu kurz gedacht. Der Mensch hat die natürliche Dynamik der Landschaft verändert, hat Flächen eingedeicht und entwässert, hat Äcker und Gärten angelegt, Straßen und Gebäude gebaut und damit die Landschaft zerschnitten. Wer sich intensiver mit Ökologie beschäftigt, weiß deshalb: Naturschutz bedeutet manchmal auch bewusstes Eingreifen, um Vielfalt zu sichern. Genau darum geht es bei den Pflegearbeiten in Klein Wangerooge. Im Rahmen der Pflegemaßnahmen werden junge Gehölze entfernt, die sonst nach und nach die offenen Sandflächen überwuchern würden. Es handelt sich um eine gut validierte, fachlich begründete und notwendige Pflegemethode, die entkusseln genannt wird.
Diese Arbeiten erfolgen dabei nicht willkürlich oder nach persönlichem Geschmack einzelner Beteiligter. Während der Entkusselungsaktionen sind stets fachkundige Biologinnen oder Biologen vor Ort. Die Maßnahmen werden im Vorfeld mit der Unteren Naturschutzbehörde abgestimmt, und die Ehrenamtlichen werden entsprechend angeleitet. Es handelt sich also um eine fachlich begründete und notwendige Pflegemaßnahme zum Erhalt eines wertvollen Biotops.
Doch warum gehört ein Sandmagerrasen zu den geschützten Biotopen – und warum brauchen wir solche Biotope überhaupt?
Sandmagerrasen sind so etwas wie die Minimalisten unter den Lebensräumen, sie kommen mit erstaunlich wenig aus und sind gerade deshalb erstaunlich vielfältig. Der Boden ist trocken, nährstoffarm und sandig. Das ist genau das Gegenteil von dem, was die meisten Pflanzen sich wünschen würden. Während andernorts kräftiges Grün und dichtes Wachstum dominieren, gilt hier eher das Motto „Wer genügsam ist, gewinnt“.
Und genau darin liegt das Besondere: Weil der Boden so „mager“ ist, haben stark wachsende, konkurrenzfreudige Pflanzen hier kaum Chancen. Stattdessen setzen sich Spezialisten durch, kleine, oft unscheinbare Arten, die perfekt an diese kargen Bedingungen angepasst sind. Das Ergebnis ist ein Lebensraum, der auf den ersten Blick vielleicht unspektakulär wirkt, bei näherem Hinsehen aber eine erstaunliche Vielfalt an Pflanzen und Tieren beherbergt.
Für viele Insektenarten sind Sandmagerrasen ein echtes Paradies. Vor allem Wildbienen lieben die offenen, sonnigen Flächen. Hier können sie ihre Nester direkt im Boden anlegen. Während andere Flächen zu dicht bewachsen oder zu feucht sind, finden sie hier genau die richtigen Bedingungen – quasi den „All-inclusive-Sandkasten“ unter den Lebensräumen.
In Deutschland gibt es rund 600 Wildbienenarten (aber nur eine Honigbienenart). Sie sind für die Bestäubung von Wild- und Nutzpflanzen besonders wichtig. Sie übertragen Pollen effizienter als die Honigbiene, fliegen bereits früh im Jahr bei ungünstigen Wetterbedingungen und niedrigen Temperaturen. Sie sind weniger krankheitsanfällig als Honigbienen und deshalb die zuverlässigeren Bestäuber.
Wir alle sind auf funktionierende Bestäubungsleistungen angewiesen, sie sind eine grundlegende Voraussetzung für den Erhalt unserer Ökosysteme und einen großen Teil unserer Nahrungsgrundlagen. Vor diesem Hintergrund kommt dem Schutz geeigneter Lebensräume eine besondere Bedeutung zu.
Kurz gesagt: Sandmagerrasen sind die stillen Stars unter den Biotopen – unscheinbar, anspruchslos und doch voller Leben.
Nach dem Bundesnaturschutzgesetz (BNatSchG) sind Sandmagerrasen gesetzlich geschützte Biotope. Die Stadt Wilhelmshaven steht daher in der Verantwortung, dafür Sorge zu tragen, dass diese geschützten Biotope langfristig erhalten bleiben.
Der Einsatz der Ehrenamtlichen hilft daher nicht nur der Natur, sondern auch ganz konkret der Stadt Wilhelmshaven: Die 120 ehrenamtlich geleisteten Stunden entsprechen einem erheblichen Arbeitsaufwand, der sonst organisiert und finanziert werden müsste.
Der Einsatz auf Klein Wangerooge zeigt, wie wichtig Ehrenamt ist – für den Naturschutz, für die Stadt und für uns alle.